Donna

Babys auf Vorrat

Karriere anschieben, den richtigen Mann finden - da passt ein Kind oft (noch) nicht. Mit Social Egg Freezing könnten weibliche Biografien entspannter werden. Eizellen werden auf Eis gelegt - bis die Umstände reif sind. Eine Revolution? Das sehen nicht alle so.

Text: Silke Pfersdorf, Magazin Donna. Sie hätte Abteilungsleiterin in der Kartonagen-Fabrik werden können. Und später vielleicht sogar Geschäftsführerin. „Aber alles", glaubt Sandra Bertram, 56, „kannst du als Frau nicht haben im Leben, und ich war damals ja schon 32." So entschied sich die Augsburgerin vor 24 Jahren dafür, Kinder zu bekommen. In die Firma kehrte sie nie zurück. „Der Karrierezug war abgefahren, und irgendwann wollte ich auch nicht mehr", blickt sie zurück. Als die 30-jährige Tochter ihrer Freundin Iris kürzlich erzählte, dass sie für ihren Job in einem IT-Unternehmen demnächst nach Singapur umziehe und Kinder frühestens in zehn Jahren ein Thema für sie wären, dachte sie noch: Mädchen, wie soll das gehen? Inzwischen weiß sie es: „Die lässt ihre Eier in München einfach einfrieren." Es liegt Fassungslosigkeit in ihren Augen. Und ein bisschen Neid.

Von ewiger Jugend träumen eine Menge Frauen, und immerhin einem Teil des weiblichen Körpers kann die Wissenschaft inzwischen tatsächlich dazu verhelfen: der Eizelle. In den USA hat die American Society of Reproductive Medicine das Verfahren dazu mittlerweile aus der Testphase entlassen und zum Routineeingriff erklärt. „Social Egg Freezing" heißt die Methode. Klingt fast nach einem Gesellschaftsspiel - und genau das, befürchten seine Gegner, könnte es womöglich irgendwann werden. Denn mit dem Angebot an Frauen, ihre Eizellen nötigenfalls jahrzehntelang frisch zu halten, wagt sich die Fortpflanzungsforschung aus der Medizinecke auf weites Lifestyle-Terrain: Bisher sprang sie vor allem dort in die Bresche, wo die Natur patzte - etwa indem sie bei ungewollt kinderlosen Paaren mit Hormonen und anderen Beigaben Zyklus oder Spermien auf Trab brachte oder ihnen per Reagenzglasbefruchtung zum Baby verhalf; selbst das Einfrieren von Eizellen diente zunächst ausschließlich medizinischen Gründen: Krebskranke Frauen konnten damit auch nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung noch schwanger werden. 2011 schlug man mithilfe der Methode sogar dem Tod ein Schnippchen: Israelische Eltern hatten ihrer bei einem Unfall verstorbenen 17-jährigen Tochter Eizellen entnehmen und einfrieren lassen, um sich damit die Chance auf leibliche Enkel zu sichern.

Seit die Forscher vor rund sechs Jahren vom „Slow Freezing", dem langsamen Abkühlen der Eizellen, bei dem die Zellstruktur allerdings häufig durch Eiskristalle zerstört wurde, auf „Vitrifikation", eine Art turbomäßiges, zellschonendes Schockgefrieren, umstiegen, gilt die Methode als sicher und wird nicht mehr nur medizinischen Problemfällen angeboten. Auch in Deutschland wird das Einfrieren von Eizellen inzwischen Frauen empfohlen, die wie einst Sandra Bertram vor der Entscheidung ihres Lebens stehen: Kind oder Karriere? Social Egg Freezing macht es möglich, dass man das Thema Baby zugunsten des Jobs ganz hintanstellt - ohne panisch auf das unerbittliche Ticken seiner biologischen Uhr zu lauschen. Es stellt die Uhr nämlich einfach ab.

„Fertility. Freedom. Finally", flöten amerikanische Spots deshalb fröhlich. Und auf deutschen Homepages werden potenzielle Kundinnen mit viel Verständnis für babywidrige Umstände wie „Karriereplanung", „spannende Projekte im Ausland" oder „einfach nicht der richtige Partner" umworben. Sicher ist: Schockgefrorene Eizellen bedeuten tatsächlich ein Stück Emanzipation, einen Ausgleich der Nachteile, die es bedeuten kann, eine Frau zu sein: Während Spermien sich zeitlebens rundum erneuern und damit normalerweise stets fit, frisch und einsatzbereit sind, altern weibliche Eizellen mit ihrer Trägerin. Sie kommen in die Jahre, werden weniger und qualitativ schlechter. Laut einer Allensbach-Umfrage glauben 40 Prozent aller Frauen, dass es für sie erst ab 40 schwieriger wird, auf natürlichem Weg ein Baby zu bekommen, tatsächlich aber geht es mit der weiblichen Fruchtbarkeit schon ab 30 bergab. Mit 40 ist dann nur noch jede fünfte bis sechste Eizelle chromosomal intakt. „Eigentlich ist es schon mit 35 schwer, schwanger zu werden", resümiert der Münchner Reproduktionsexperte Wolf Bleichrodt. Zwischen 20 und 30 sind Frauen also in den besten Jahren: fürs Kinderkriegen - aber gleichzeitig auch für die Karriere. Es ist die Rushhour ihres Lebens, sagen Sozialforscher. Kein Wunder, dass viele das Babyprojekt möglichst weit nach hinten verschieben, um beides unter einen Hut zu kriegen: In den letzten 40 Jahren stieg das Alter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich von 24 auf 31 Jahre. Die Möglichkeit, eigene Eizellen einfrieren zu lassen, eröffnet da unter Umständen völlig neue Perspektiven: In Amerika, weiß Reproduktionsmediziner Jörg Puchta zu berichten, schenken manche Eltern ihren Töchtern zum Hochschulabschluss bereits das Einfrieren ihrer Eizellen als „Fertilitätsversicherung, damit diese, trotz Studium und Karriere, sich das schönste Geschenk der Welt erfüllen können: die Mutterschaft."

Und schwups, geht es beim Social Egg Freezing nicht mehr um Notwendigkeiten, sondern um Annehmlichkeiten. Um Lifestyle halt - und um die unterschiedlichsten Gründe, sich mit dem Kinderkriegen Zeit zu lassen. Katharina, 27, würde ihren Job als Apothekerin für ein Baby sofort an den Nagel hängen – es ist nur kein Mann für das Unternehmen Nachwuchs in Sicht. „Da habe ich vor ein paar Jahren schon mal Panik geschoben", sagt sie. „Ich weiß halt, dass ich es mir nie verzeihen würde, keine Kinder gekriegt zu haben." Ihr Frauenarzt brachte sie auf die Idee, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Vier Behandlungszyklen mit Hormonen á 1200 Euro später warten die Eizellen, Glaskugeln gleich, in einem eisigen, mit flüssigem Stickstoff gefüllten Metallbehälter bei minus 194 Grad im Labor eines Kinderwunschzentrums auf ihre Zukunft - und Katharina weitaus entspannter auf Mister Right. „Ich fühle mich nicht mehr gedrängelt", sagt die Hamburgerin. Ihre Babypläne - für 300 Euro Lagerkosten pro Jahr buchstäblich auf Eis gelegt. Katharinas Chance, bei einer späteren künstlichen Befruchtung ihrer Eizellen tatsächlich schwanger zu werden, liegt in jedem Zyklus bei rechnerisch 30 Prozent - die Faustregel deshalb: Um zwei Kinder zu bekommen, sollte man etwa 25 eingefrorene Eizellen vorhalten. Frische Eizellen schneiden im Vergleich - laut den Studien eines Zentrums für Reproduktionsmedizin in Rom und der Universität Valencia von 2010 - übrigens keinen Deut besser ab.

Fakt ist: Social Egg Freezing macht vielen Frauen Hoffnung - zu vielen, befürchten einige Mediziner. „Schon bei einer 32-jährigen Frau sind die Auftauergebnisse sehr schlecht", weiß Bleichrodt. „Eigentlich ist es nicht mehr vernünftig, seine Eier einfrieren zu lassen, wenn man nicht unter 30 ist." Auch sein Hamburger Kollege Frank Nawroth, einer der führenden Reproduktionsexperten in Deutschland, betrachtet die Werbung mancher Kollegen für die Methode äußerst skeptisch, „weil darin oft der Eindruck erweckt wird, dass es sich dabei um eine hundertprozentige Versicherung der eigenen Fruchtbarkeit handelt, und die Grenzen der Methode nicht oder nur ungenügend dargestellt werden. Inzwischen landen immer wieder Anfragen von 40- bis 45-jährigen Frauen bei mir. Neulich fragte sogar eine 46-Jährige danach. Natürlich ist Social Freezing eine gute und richtige Methode - aber nur für eine kleine Klientel." Die Krux: Just dieser Klientel kommt der Eingriff gar nicht unbedingt in den Sinn: „Dazu gehört zum Beispiel auch die junge Frau, die ihren vermeintlichen Wunschpartner getroffen hat", sagt Nawroth. „Und die nicht ahnt, dass der in zehn Jahren, wenn sie vielleicht Kinder will, gar nicht mehr da ist." Er hat so seine Zweifel, wenn Kollegen Social Freezing als eine Revolution von der Größenordnung der Antibabypille feiern: „Vergleicht man die Wirkung der Pille mit einem weltweiten Wirbelwind, dann ist Social Freezing eher ein kleiner Sturm auf einer Antilleninsel." Dennoch fürchten GefrierGegner die Durchschlagskraft der neuen Methode; unnatürlich sei die Konservierung der Eizellen, unken sie und warnen vor Bataillonen 50- bis 60-jähriger Jungmütter, die ihre Kinderwagen zukünftig durch Deutschlands Straßen schieben werden. Denn: Bei uns gibt es tatsächlich keine festgelegten Altersgrenzen dafür, wann man seine eigenen Eizellen wieder eingesetzt bekommt, auch wenn selbst viele Mediziner hier ein Limit fordern.

Andere Social-Freezing-Kritiker befürchten, dass das Einfrieren nur ein Schritt auf dem Weg zum Designerbaby ist, vor allem wenn es irgendwann womöglich völlig normal wird, Eizelle und später Embryo per Präimplantationsdiagnostik auf genetische Perfektion hin zu prüfen. Sie haben Sorge, dass es die Gesellschaft verändert, wenn der Zeitpunkt der Schwangerschaft immer mehr zur Terminsache, zum Teil einer Planerfüllung gerät oder gar in Arbeitsverträgen vertraglich mit einer Art Sperrfrist festgeschrieben wird. Aber: Ähnliche Bedenken kursierten schon, als die Pille auf den Markt kam. Dass die gefrorenen Eier einst zu den Eis-Heiligen unserer Gesellschaft werden, steht kaum zu befürchten. Geschätzt gerade mal 100 Frauen haben im letzten Jahr hierzulande vom Gefrier-Service Gebrauch gemacht. In einer belgischen Studie gaben immerhin fast ein Drittel der befragten Frauen zwischen 21 und 40 an, sich fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen wie das Social Freezing vorstellen zu können. Die Gründe, die Frauen bei ähnlichen Befragungen in Belgien und England nannten: Karriereplanung, fehlende finanzielle Sicherheit, keine stabile Partnerschaft. Und die Chance, den Druck aus der Partnersuche rauszunehmen. Ebenfalls ein Drittel der Frauen ist jedoch überzeugt, im Endeffekt nie auf die eingefrorenen Eier zurückzugreifen.

Nach einer Revolution, als die einige Mediziner Social Freezing gern feiern, klingt das noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden ... Irgendwann, hatte der Chemiker Carl Djerassi, Vater der Antibabypille, Anfang der 90er Jahre prophezeit, würden die Menschen Sex und Fortpflanzung komplett voneinander trennen, nötiges Zellmaterial würde eingefroren und bei Bedarf einfach wieder aufgetaut.

So gesehen hat zumindest für den Münchner Reproduktionsmediziner Jörg Puchta die Zukunft schon begonnen: „Ich habe vier Töchter, und ich werde ihnen allen empfehlen, ihre Eizellen einzufrieren."

Ein Artikel über Social Freezing im Magazin Donna (freundin)

Zurück

Termine & Kontakt
089 547041-0