Shape 12/2013

Mein Baby kann warten

Lucie Schwarz hat ihre Fruchtbarkeit auf Eis gelegt: Sie ließ sich mit 36 Jahren Eizellen einfrieren und hat so auch noch mit 40+ gute Chancen, Mutter zu werden.

Ein Artikel über Social Freezing im Magazin Shape, Ausgabe 12/2013. Zwischen Daumen und Zeigefinger halte ich mein Speckröllchen am Bauch, mit der anderen Hand steche ich zitternd die dünne Nadel durch die Haut. Durch diese Spritze mit Gonadotropin-Hormonen soll mein Körper möglichst viele Eizellen produzieren, nicht nur wie sonst eine pro Zyklus. Und während die Flüssigkeit in mich hineinrinnt, bahnt sie sich in Form von Tränen wieder ihren Weg nach draußen. Nicht, weil der Pieks wehtut, ich spüre ihn kaum. Sondern: Dieser Moment könnte in ferner Zukunft der Beginn einer Schwangerschaft sein. Ich erfülle mir also vielleicht gerade meinen großen Traum vom Kind. Mutter werden wollte ich schon immer, irgendwann. Aber ich dachte nicht, dass dieses Irgendwann so lange auf sich warten lässt. Jetzt bin ich 36 und frisch getrennt. Meine letzten beiden Freunde litten am Peter-Pan-Syndrom, wollten nicht erwachsen Werden und Verantwortung übernehmen, am wenigsten für ein Baby. Ich hatte immer mehr Angst, dass es gar nichts mehr wird - und diese Tür vor Augen, die sich jeden Tag ein Stück weiter schließt. Dazu kam eine Trauer, als wäre jemand gestorben, der noch gar nicht existiert hat. Um mich herum bekamen fast alle Kinder, manche schon die zweiten. Ich fühlte mich immer ausgeschlossener. An schlechten Tagen trieb mir allein der Anblick einer Schwangeren Tränen in die Augen. Ich schämte mich dafür, so sentimental zu reagieren. So war es ja kein Wunder, dass mein letzter Freund unter Druck geraten war, zumal wir erst ein paar Monate ein Paar waren. Wir trennten uns schließlich, nicht nur, aber auch wegen meines Kinderwunschs.

GANZ NEUE OPTIONEN

Meiner Freundin Marie erzählte ich von meinem Kummer: gebrochenes Herz - und dazu die Angst, womöglich nie Mutter zu werden. „Und wenn du dir Eizellen einfrieren lässt? Meine Kollegin Nora hat das gerade gemacht“, sagte sie. Ich hatte auch schon davon gelesen, wollte nun aber mehr wissen. Im Netz erfahre ich: „Social Freezing“ war einst Krebspatientinnen vorbehalten, deren Eizellen und Eierstöcke durch eine Chemotherapie beschädigt werden könnten. Inzwischen nutzen das immer mehr Frauen auch aus „sozialen“ Gründen, um erst Karriere zu machen etwa oder wenn sie noch nicht den richtigen Partner gefunden haben.
Stars wie Jennifer Aniston oder Jennifer Love Hewitt haben es auch getan. Die Nebenwirkungen? Nehme ich in Kauf. Nur die Kosten, die sind richtig hoch: bis zu 3.500 Euro. Pro Zyklus. Manche Frauen brauchen für die empfohlenen 25 bis 50 Eizellen mehrere Versuche.
Die Lagerung kostet pro Jahr etwa 250 Euro, die künstliche Befruchtung, falls später gewünscht, noch mal rund 2.000 Euro. Die Krankenkasse zahlt dazu: nichts. Ich muss schlucken, checke mein Erspartes und beschließe nach langem Überlegen: Ich mach‘s! Ist ja auch eine Art Altersvorsorge, überzeuge ich mich selbst. Zwei Wochen später sitze ich in einer großen Hormonpraxis - und frage mich, was ich hier tue. Wie wird mein Körper wohl reagieren? Der Arzt ist souverän, aber nicht abgeklärt. Er nimmt mir meine Ängste und erklärt: „Die Prozedur ist die gleiche wie bei einer In-vitro-Fertilisation, nur dass die Eizellen erst später befruchtet werden, wir haben viel Erfahrung damit. Die Nebenwirkungen der Injektionen sind auch nicht mehr so stark wie früher. Möglicherweise verstärken sich typische Zyklus-Symptome wie Brustspannen, Bauchziepen oder schlechte Laune etwas. Danach regeneriert sich Ihr Körper aber schnell wieder.“ Ob sich das lohnt, muss ich selbst entscheiden. Rein statistisch: etwas. Wollte ich mit meinen 36 auf natürlichem Weg schwanger werden, könnte es zu 20 bis 25 Prozent klappen, in vier Jahren maximal zu 15 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit mit meinen 36-jährigen Eizellen und einer künstlichen Befruchtung liegt auch mit 40 noch bei etwa 30 Prozent pro Versuch. Eine Garantie ist „Social Freezing“ also nicht. Aber für was gibt es die schon im Leben? Würde ich diese Möglichkeit nicht wahrnehmen. bin ich sicher. ich wäre unendlich traurig, stünde ich mit Mitte 40 noch ohne Kind da.

JEAN NE D‘ARC? ICH?

Die Reaktionen auf mein Vorhaben sind fast alle positiv. Meine Mutter fragt interessiert nach, mein Vater nimmt mich in den Art und freut sich, dass ich mich das traue. „Du bist die Jeanne d‘Arc der Fortpflanzung!“, sagt Marie und fügt hinzu: „wenn Männer ihr Sperma einfrieren oder mit 50 noch ein Kind bekommen, rümpft doch auch niemand die Nase.“ Nur meine Freundin Carla meint, man solle der Natur nicht ins Handwerk pfuschen. Aber schlagen wir der Natur nicht schon seit der Erfindung der Pille ein Schnippchen? Heute leben wir häufig 50 Jahre oder länger und können deshalb doch noch mit 50 ein Kind großziehen. Aber klar: Je später man Mutter wird, desto höher das Risiko. Zwar sind die tiefgefrorenen Eizellen kräftiger und genetisch unauffälliger als die, die ich mit 40+ produzieren würde. Doch das Risiko für eine Frühgeburt, Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck steigt trotzdem. Mit 45 wäre bei mir deshalb der späteste Zeitpunkt, mir die Eizellen wieder einsetzen zu lassen, habe ich entschieden. Die Untersuchung mit Ultraschall und der Bluttest ergeben aber ohnehin: Ich bin noch ziemlich fruchtbar. Schon das ist für mich eine große Erleichterung.

Am ersten Tag meiner Periode geht es dann los, die Depotspritze reicht für die folgenden sechs Tage, sechs weitere Spritzen kommen später dazu. Außerdem gibt‘s einen Vitaminpillencocktail für mehr Power in den Eierstöcken. Die ersten fünf Tage merke ich: nichts. Dann ein Ziepen im Unterleib. An Tag sechs der erste Ultraschall: In mir sind rund 30 Eizellen herangereift, wie großartig! Für mein Alter ein gutes Ergebnis, andere Frauen brauchen dafür drei und mehr Zyklen. Zum Ziepen kommt ein Drücken, es wird immer stärker, am achten Tag fühlt sich mein Unterleib sehr voll an. Ein bisschen wie Verstopfung, aber erträglich. Abends bin ich zum Essen verabredet - und verschwinde Punkt 20 Uhr auf die Toilette des Lokals: Jetzt, genau 36 Stunden vor der Entnahme, muss ich mir die beiden letzten Spritzen setzen. Sie lösen ein paar Stunden danach meinen Eisprung und dann frühzeitig meine Regel aus. Nur in diesem sehr schmalen Zeitfenster kann der Arzt meine 0,1 Millimeter großen Eizellen mit einer feinen Hohlnadel absaugen.

AUFGEREGT BEIM EINGRIFF

In der Praxis bin ich so nervös, dass ich auf Autopilot schalte: Mechanisch ziehe ich ein Krankenhaushemdchen an. „Geh hin, lass die Leute machen und geh wieder nach Hause“, sage ich mir immer wieder. Vom Ruheraum mit Bett und Vorhang husche ich mit Narkose-Kanüle im Arm in den kleinen OP. Eine Krankenschwester spricht beruhigend auf mich ein, während ich beginne wegzudämmern. Wenig später höre ich sie sagen: „Frau Schwarz, es ist alles gut gegangen, ich bringe sie jetzt zurück ins Bett.“ Krass, eine halbe Stunde war ich weg! Den Arzt habe ich im OP gar nicht gesehen, er kommt ein paar Minuten später bei mir vorbei und teilt mir mit, dass er 32 Eizellen entnommen habe. Am Nachmittag bekomme ich am Telefon die Nachricht, dass 25 davon so ausgereift waren, dass sie in einem Stickstoffbehälter aus Metall eingefroren worden sind. Erfahrungsgemäß könnten daraus im Durchschnitt 2,5 Kinder entstehen. Ich wäre mit einem ja schon glücklich! Kein zweiter Zyklus also für mich. Die Narkose hat mich an diesem Tag ziemlich geschafft. Ich habe außerdem eine Miniblutung, ansonsten nur ein kleines Ziehen, wie schon die Tage zuvor. Klar, meine Eierstöcke müssen jetzt wieder auf Normalgröße schrumpfen.

Nach zwei, drei Tagen ist alles wieder okay, meine Periode kommt wie angekündigt früher. Und das war‘s. Medizinisch gesehen. Für mich geht‘s aber jetzt erst los: ich fühle mich überraschend befreit. Das Ticken meiner biologischen Uhr ist plötzlich viel leiser, ich bin wahnsinnig erleichtert. Würde ich jetzt einen Mann kennenlernen, stünde er als Person im Vordergrund, nicht sein Ja zu einem Kind. Vielleicht finde ich durch diese neue Gelassenheit leichter jemanden, mit dem es in den nächsten Jahren ganz normal klappt - ohne dass ich auf meine eisige Reserve zu rückgreifen muss. Gelohnt hat sich die ganze Nummer für mich jedenfalls schon jetzt. Wie auch immer das ausgehen wird.

Dr. Jörg Puchta vom Kinderwunschzentrum an der Oper in München hat schon Eizellen von 150 Frauen eingefroren. Fünf von ihnen haben sich befruchten lassen, drei davon sind gerade schwanger.

Warum entscheiden sich immer mehr Frauen für Social Freezing?
Weil heute bis zu 90-95 Prozent der Zellen überleben. Das liegt vor allem an der neuen Technik der Vitrifizierung: Die Eizellen werden innerhalb kürzester Zelt auf minus 196 Grad gekühlt. So entstehen keine Eiskristalle, die die feinen Strukturen beschädigen. Nach dem Auftauen verfügen die Eizellen dann sogar über eine genauso hohe Lebensqualität, als wären sie nie eingefroren worden. Dank dieses modernen Verfahrens stehen laut einer Forsa Studie aus dem Jahr 2015 zwei Drittel der befragten 1061 Männer und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren dem Social Freezing aufgeschlossen gegenüber. Knapp ein Drittel kann sich sogar vorstellen, sich den Kinderwunsch zu einem späteren Zeitpunkt zu erfüllen.

Sind die Babys genauso gesund wie die auf natürlichem Weg gezeugten?
Ja. Es kommt sogar zu weniger Fehlgeburten und die Kinder sind bei der Geburt schwerer.

Fehlen mir die entnommenen Eizellen nicht später für eine normale Schwangerschaft?
Nein, der Körper bildet genug. Bei der Geburt sind es bis zu zwei Millionen, auch in den Wechseljahren noch mehrere Tausend. Der Körper hat dann nur keine Energie mehr, sie auszureifen.

Welches Alter ist für Social Freezing ideal?
Eine Frau kann hormonell fast bis ins hohe Alter so stimuliert werden, dass sie ein Kind austragen kann. Die älteste Frau der Welt, die ein Kind geboren hat, ist derzeit 70 Jahre. Was medizinisch möglich ist, ist jedoch unter dem Aspekt der Endlichkeit unseres Lebens alles andere als sinnvoll.

Deshalb sollte für jede Frau individuell unter Berücksichtigung ihres Gesundheitszustandes und ihrer Genetik geklärt werden, bis zu welchem Alter diese Prozedur sinnvoll ist. Bei Frauen, die 50 Jahre oder älter sind, raten wir von einem Transfer ab.

Ein Social Freezing Erfahrungsbericht im Magazin Shape

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