Focus 41/2013

Kinderwunsch auf Eis

Spätes Mutterglück? Frauen sollten nur rechtzeitig daran denken, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Doch den meisten kommt die Idee sehr spät.

Eine Reportage über den späten Kinderwunsch und Social Freezing.

FOCUS 41/2013 vom 7. Oktober 2013. Eine weibliche Eizelle ist wie eine Erdbeere. Prall gefüllt mit Wasser und deshalb sehr empfindlich. Wer sie länger frisch halten will, als die Natur es vorsieht, kann seine Eizellen nun „verglasen“ lassen. Vitrifizieren sagen Mediziner dazu und meinen Schockgefrieren. Der wertvolle Rohstoff fürs Kinderkriegen wird so geschont und bleibt über viele Jahre frisch. „Würde man eine Eizelle einfach einfrieren, ergeht es ihr wie einer Erdbeere aus dem Tiefkühlfach. Nach dem Auftauen wäre sie Matsch“, erklärt Jörg Puchta, Reproduktionsmediziner in München.

In seinem Kinderwunschzentrum gehört die Kunst des Konservierens von Eizellen zum Tagesgeschäft. Ein neues Angebot der Fortpflanzungsmedizin ist das Social Freezing. Die Technik ermöglicht es gesunden Frauen, aus sozialen, nicht medizinischen Gründen, ihren Kinderwunsch hinauszuschieben. Eine seiner Patientinnen, Anna Kern* aus München, hat bereits neun ihrer Eizellen eingelagert. Sie ist 38 Jahre alt und möchte auf alle Fälle Kinder haben. Nur eben jetzt nicht sofort. Ihre Gründe leuchten ein: „Meine Beziehung ist vor Kurzem zerbrochen, und ich möchte mich jetzt bei der Partnersuche nicht unter Druck setzen lassen – auch wenn meine biologische Uhr weitertickt.“

Das Alter der Eierstöcke ist der größte Feind der Fruchtbarkeit.

Rund 400 000 Eizellen schlummern in Ovarien, wenn ein Mädchen zur Welt kommt. Über die Jahre entstehen Zelldefekte und Schäden am Erbgut. Doch viele Frauen ignorieren die Folgen: Eine 25-Jährige hat eine Chance von rund 75 Prozent, innerhalb eines Jahres schwanger zu werden. Bis zum 45. Lebensjahr sinkt diese jedoch auf magere zwei Prozent. Die neue Technik dreht die Uhr zurück. Eine Eizelle, die man bereits in jungen Jahren aus dem Eierstock entfernt und auf Eis legt, behält ihre jugendliche Frische.

Entwickelt wurde das Einfrieren für Frauen, die an Krebs erkrankt sind. Es bewahrt die Eizellen vor den Schäden einer Chemotherapie. Nach der Heilung können sie dann mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) gesunde Kinder auf die Welt bringen. Seit Anfang 2000 bieten Ärzte in den USA diese Technik auch gesunden Frauen an. 2009 stiegen einige deutsche Zentren, die normalerweise Paare mit unerfülltem Kinderwunsch behandeln, in das Geschäft ein.

„Der Kinderwunsch kommt heute oft erst Mitte 30 nach Karriere und Partnerwahl“, sagt Klaus Diedrich, der ehemalige Direktor der Frauenklinik der Uni Lübeck. Das Zeitfenster für die perfekte Familienplanung reduziert sich vor allem für Frauen mit akademischer Ausbildung dann auf sehr wenige Jahre. Nicht jede hat dann das Glück, dass ein potenzieller Vater, der sichere Job und die Kinderbetreuung zeitgleich bereitstehen. „Ich glaube, dass man Frauen diese Möglichkeit nicht vorenthalten sollte, solange sie gut über die Kosten, Chancen und Risiken informiert werden“, sagt Diedrich.

Wer das Ticken der biologischen Uhr ausblenden will, muss tief in die Tasche greifen.

„Etwa 20 gesunde Eier sollten wir idealerweise gewinnen“, rechnet Puchta vor. Die 38-jährige Anna Kern stellt sich auf drei bis vier Behandlungszyklen ein. Jeder kostet rund 3000 Euro. Bislang zahlen Krankenkassen nicht. Dazu addieren sich noch die jährlichen Kosten für die Lagerung im Gefriertank von rund 240 Euro und mindestens eine künstliche Befruchtung zum Zeitpunkt des Kinderwunschs von etwa 2000 Euro.

Der Medizin-Ethiker Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf bemängelt, dass solche Angebote vor allem Frauen jenseits der 35 ansprechen. „Der Zeitpunkt, wenn sie sich Gedanken über ihre schwindende Fruchtbarkeit machen, ist für eine Eizellgewinnung nicht mehr günstig“, sagt Brinbacher.

„Je jünger die Frauen sind, desto einfacher ist es, den Eierstock mit Hormonen zu stimulieren und genügend Eier in einem einzigen Zyklus zu gewinnen“, erklärt der Reproduktionsmediziner Puchta. Junge Eier hätten die größte Vitalität. Im Idealfall sollten Frauen daher schon Mitte zwanzig ans Social Freezing denken. Nicht erst Mitte 30 wie die Mehrzahl der Patientinnen.

Noch sind Frauen wie Arline Schuller aus München eher die Ausnahme.

Die 24-Jährige jobbt als Kellnerin. Sie möchte sich erst mal noch auf eine Ausbildung konzentrieren. Das Einfrieren ihrer Eizellen spendierten die Eltern als Geburtstagsgeschenk. Den Eingriff plant sie noch in diesem Monat. „Meinem Freund ist das alles zu modern“, erzählt sie. Seiner Meinung nach sollen Frauen natürlich schwanger werden.

Den Tag X, die Zeugung ihres Babys im Labor, kann Anna Kern genau planen. Sie wird ihre Eizellen mit dem Sperma ihres künftigen Partners befruchten lassen. Oder, wenn dies möglich sein wird, sich Sperma eines anonymen Spenders bei einer Samenbank aussuchen. Auch das wäre für sie eine Option, sagt sie. Die Wahlmöglichkeiten sieht sie als logische Weiterentwicklung: „Mit der Antibabypille kann ich eine Schwangerschaft verhindern. Das Social Freezing gibt mir nun die Freiheit, zu bestimmen, wann ich genau ein Baby bekomme.“

Anna Kern glaubt, dass Social Freezing in wenigen Jahren gesellschaftlich genauso akzeptiert sein wird wie die Pille. Nebenwirkungen der Hormonbehandlung, wie ein Spannen in der Brust und im Bauch, habe sie nicht als schlimm empfunden. „Die Erfolgsraten einer IVF-Behandlung liegen mittlerweile über den natürlichen Schwangerschaftsraten“, sagt Puchta.

Noch gibt es weltweit keine aussagekräftigen Daten, wie groß die Erfolgsquote beim Social Freezing ist. Reproduktionsmediziner versprechen ihren Kundinnen trotzdem, dass aus jeder zweiten eingefrorenen Eizelle eine erfolgreiche Schwangerschaft zu Stande kommt. Eine Garantie auf ein Kind geben sie natürlich nicht.

An der Uni Erlangen gehen Forscher noch einen Schritt weiter. Sie frieren nicht nur die Eier, sondern gleich ein Stück vom Eierstock ein. „Das ist eine Alternative zum Social Freezing, erklärt Ralf Dittrich, Leiter der Arbeitsgruppe experimentelle Reproduktionsmedizin. Auch diese Methode ist bereits für Krebspatientinnen etabliert. Demnächst will sie erstmals eine gesunde Frau nützen, so Dittrich.

Die Ärzte entnehmen das Gewebe über eine Bauchspiegelung und frieren es ein.

Will die Frau in fortgeschrittenem Alter Kinder haben, können sie die konservierten Stückchen vom Ovar zurücktransplantieren – an die Innenseite des Beckens in einer kleinen Bindegewebstasche, nahe des Eileiters.

Die Methode hat einen revolutionären Nebeneffekt: „Das junge Eierstockgewebe produziert nicht nur gesunde Eier, sondern auch weibliche Hormone. Dadurch kann sich die Menopause um Jahre verzögern“, sagt Dittrich. Bis zum Alter von 50 Jahren seien die Gefahren gering, ein Kind auszutragen. „Später steigt das Risiko, etwa für Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes.“

Trotz der technischen Hilfen werden die meisten Kinder auch künftig nach alter Tradition beim Liebesspiel gezeugt werden. Puchta schätzt, dass 10 bis 20 Prozent seiner Kundinnen ihre Eier einsetzen werden. Auch Anna Kern will ihre romantische Ader keineswegs aufgeben. „Wenn ich mit einem neuen Partner Kinder bekommen möchte, werde ich es erst mal auf natürlichem Weg versuchen, klar. Aber nicht viel länger als ein paar Monate, denn die Zeit läuft.“

*Name von der Redaktion geändert

erschienen im Focus 41/2013, Claudia Gottschling

Kein Problem, sagen Mediziner

Zurück

Termine & Kontakt
089 547041-0