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Ein Preis für 4 Millionen Babys

Medizinnobelpreis für Erfinder der künstlichen Befruchtung.

Folgender Artikel erschien am 05.10.2010 in der tz München. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der tz München. "Ich werde niemals den Tag vergessen, als ich in das Mikroskop sah und etwas Komisches in der Kultur entdeckte. Was ich sah. war eine menschliche Blastozyste im Embryo am 4. Tag nach der Befruchtung, der zu mir nach oben starrte. Ich dachte: Wir haben es geschafft." Das hatte Robert Edwards tatsächlich. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen, dem Gynäkologen Patrick Steptoe war es ihm gelungen, in einem Reagenzglas eine Eizelle mit einem männlichen Samen zu befruchten. Später gelang es die befruchteten Eizellen in die Gebärmutter einzupflanzen, wo sie zum Baby heranreiften. Dafür erhält der heute 85-jährige den diesjährigen Medizinnobelpreis, der mit einer Millionen Euro dotiert ist. Edward sagte einmal: ,,Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als ein eigenes Kind."

Etwa vier Millionen Menschen verdanken der sogenannten In-vitro-Fertilisation ihr Leben. Viele sind inzwischen erwachsen und haben wie das erste Reagenzglas-Baby, Louise Brown (siehe Kasten), selbst Kinder. Das Nobel-Komitee: "Edwards Beitrag stellt einen Meilenstein in der Entwicklung moderner Medizin dar." Für viele Paare sei Unfruchtbarkeit eine große Enttäuschung, für einige sogar ein lebenslanges psychologisches Trauma. Für Edwards ist der Nobelpreis eine späte Genugtuung. Jahrelang war seine Arbeit als "Teufelswerk" nicht nur von der Kirche gegeißelt worden. Doch nie ließ er sich davon abbringen. Heute lebt der "Vater" von vier Millionen Babys zurückgezogen in einem Seniorenheim in Großbritannien. Er ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Den Preis wird er im Dezember wohl nicht persönlich entgegen nehmen können. Er habe sich aber sehr über den Preis gefreut, so seine Frau.

Louise Brown: Das Mädchen aus dem Reagenzglas

2600 Gramm, 49 Zentimeter, blond, blauäugig - und ein Wunder der Medizin. Als am 25. Juli 1978 Louise Joy Brown als erstes Retortenbaby ihren ersten Schrei tat, ging für Mama Lesley ein langer Leidensweg zu Ende. Neun Jahre hatten sie und ihr Mann Jon immer wieder vergeblich auf Nachwuchs gehofft. Dann gewann der Lastwagenfahrer aus Bristol 800 Pfund im Fußball-Lotto. Beide beschlossen in einen letzten Versuch zu investieren – sie wandten sich an Robert Edwards. Aus Baby Louise ist eine starke junge Frau geworden, die selbst auf natürlichem Wege Mutter werden konnte. Sie ist medienscheu, doch gestern gratulierte sie öffentlich dem Mann, der ihr zum Leben verhalf und dem sie bis heute liebevoll verbunden ist: "Mama und ich sind so glücklich, dass einer der beiden Pioniere der IVF die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient. Unsere persönlichen Glückwünsche!"

München: Wie Ärzte Paaren helfen können

Der Klapperstorch ist in München so erfolgreich wie nirgendwo sonst in Deutschland – zumindest bei In-vitro-Befruchtungen. "Die künstliche Befruchtung funktioniert nicht in jedem Zyklus, aber die Erfolgsquote ist extrem hoch", erklärt der Reproduktionsmediziner und Leiter des Kinderwunsch Zentrum an der Oper in München , Dr. Jörg Puchta. "Nach sechs Monaten sind über 50 Prozent unserer Patientinnen schwanger." Laut Statistik schneidet das Münchner Zentrum damit deutschlandweit am besten ab.

Jedes Jahr kommen 4000 bis 5000 Paare mit unerfülltem Kinderwunsch in die Einrichtung. Fortpflanzungsstörungen gibt es beim Mann genauso wie bei der Frau. Sie sind in aller Regel nicht angeboren, sondern erworben."Wir schicken niemanden weg", erklärt Puchta. Dank der künstlichen Befruchtung konnte der Reproduktionsmediziner alleine schon über 3000 Kinder im Reagenzglas zeugen und so Paare zu glücklichen Eltern machen. Über den Nobelpreis für die In-vitro-Fertilisation freut er sich deshalb ganz besonders: "Das ist eine große Stunde für die Reproduktionsmedizin."

Medizinnobelpreis für Erfinder der künstlichen Befruchtung

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