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Social Freezing – Baby auf Eis gelegt

Dr. Jörg Puchta, Reproduktionsmediziner am Kinderwunsch Zentrum an der Oper beantwortet Fragen zum Thema Social freezing. Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.

Eizellen werden schockgefrostet, um die biologische Uhr der Frau zu stoppen. „Wir schaffen die Wechseljahre der Frau ab" - das ist die Botschaft der Ärzte im Kinderwunsch Zentrum an der Oper in München. Mutter werden, solange man möchte - die biologische Uhr einfach austricksen: Wie das geht? Die Frau sollte sich in möglichst jungen Jahren mindestens 30, besser bis zu 50 Eizellen entnehmen und einfrieren lassen. Mittlerweile gibt es neue Schockfrost-Verfahren, die die empfindlichen Eizellen besser überstehen. Wenn die Frau dann reif ist fürs Baby, es auf natürlichem Weg aber nicht mehr klappt, kann sie auf ihre eisige Reserve zurückgreifen. Die »tz« beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema Social Freezing:

Ist Social Freezing gesetzlich erlaubt?

Ohne Einschränkung - ja. Dr. Jörg Puchta vom Kinderwunsch Zentrum an der Oper: „Es gibt keine gesetzlichen Einschränkungen.“ Die Kosten der Behandlung muss jede Frau selbst übernehmen. Die Entnahme der Eizellen kostet pro Versuch circa 3000 Euro, um 30 Eizellen zu gewinnen sind mindestens zwei Zyklen notwendig. Die Lagerung der Eizellen kostet im Jahr 240 Euro. Das Spenden von Eizellen ist in Deutschland verboten. In Spanien, wo Eizellspenden erlaubt sind, wurde das Höchstalter der Empfängerin auf 49 Jahre begrenzt. Es erscheint unwahrscheinlich, dass für eine Befruchtung mit eigenen Eizellen eine Altersgrenze eingeführt werden könnte. Schließlich ist es ja auch Männern erlaubt, noch im hohen Alter Vater zu werden. Und es gibt auch Frauen, die jenseits der 50 auf ganz natürlichem Weg schwanger werden.

Wann ist der beste Zeitpunkt für Social Freezing?

Anders als Samenzellen werden Eizellen nicht immer wieder neu gebildet, sondern sie sind schon vor der Geburt in den Eierstöcken angelegt. Ein neugeborenes Mädchen hat etwa zwei Millionen Eizellen, doch der Vorrat schwindet: Bis zur Pubertät sind es nur noch 400 000 Eizellen, dann verliert die Frau pro Monat weitere 1000 Eizellen. Mit jedem Jahr verschlechtert sich zudem die Qualität der Zellen. Bei einer 30-Jährigen ist jede zweite bis dritte Eizelle völlig intakt, bei einer 40-Jährigen ist es nur noch jede fünfte bis sechste. Der beste Zeitpunkt für das Einfrieren ist also möglichst früh. Idealerweise mit Mitte bis Ende 20. Bis zum Alter von 35 gibt es Chancen auf gute Zellen. Viele Frauen warten sehr lang und kommen erst mit Anfang 40 in die Kinderwunschpraxis. Dann wird es schwieriger, intakte Eizellen zu gewinnen und diese später zu befruchten. Aber es gibt auch Glücksfälle: Eine Patientin von Dr. Puchta und Kollegen war schon 47 Jahre alt: Ihr konnte ein reifes Ei entnommen werden, das erfolgreich befruchtet und ausgetragen wurde: Eine 100-prozentige Baby-Take-Home-Rate. Normal ist das nicht: Bei der künstlichen Befruchtung beträgt die Baby-Take-Home-Rate mit schnell gefrosteten und wieder aufgetauten Eiern circa zehn Prozent.

Wie funktioniert das Flash-Freezing?

1997 wurde das erste Baby aus einer eingefrorenen Eizelle geboren, mittlerweile sind es weltweit weit über 1000 Kinder. Im Gegensatz zu Spermien sind Eizellen gegenüber der Kälte sehr empfindlich. Eizellen enthalten viel Wasser, beim Frieren bilden sich Kristalle, die die zarten Strukturen der Zelle zerstören können. Daher wurden bis vor Kurzem Eizellen sehr langsam gekühlt und ihnen gleichzeitig Wasser entzogen, doch beim Auftauen waren noch nur gut die Hälfte der Eizellen intakt. Von denen ließen sich nur zwei Drittel befruchten. Beim Blitzfrieren wird die Eizelle so schnell gefroren, dass sich kein Eis bildet - die Eizelle ähnelt dann einer winzigen Glasperle. Auch das Auftauen erfolgt sehr rasch. Die Technik wurde in den vergangenen Jahren verfeinert. Rund 80 bis 90 Prozent der Zellen überleben diese Prozedur. Zudem sind die Befruchtungsraten deutlich höher.

Neue Methoden erhöhen Erfolgschancen

tz Interview mit Dr. Jörg Puchta, Facharzt für Reproduktionsmedizin

Wie wird der Eierstock vor der Eizellen-Entnahme stimuliert?
Dr. Jörg Puchta: Wir benutzen Botenstoffe, die den Eierstock anregen. Eine einzige Spritze genügt für eine Entnahme. Es ist von Patientin zu Patientin verschieden, wie viele Eizellen heranreifen. Das hängt vom Alter aber auch von individuellen körperlichen Gegebenheiten ab. In der Regel sind es zwischen 15 und 30 Eizellen. Wir raten Frauen, wenn es möglich ist, mindestens 30, noch besser aber 50 Eizellen einzufrieren. Dann sind wir im sicheren Bereich.

Damit sie am Ende damit ein Baby austragen kann?
Puchta: Ein oder zwei Babys. Aber natürlich können es auch mehr werden.

Ist die Stimulation der Eierstöcke gefährlich?
Puchta: Früher wurden die Eierstöcke mit Hormonen stimuliert, und es kam häufiger zu einer Überstimulation, die Eierstöcke schwollen an, im Bauchraum lagerte sich vermehrt Wasser an. Mit den neuen Methoden können wir die Stimulation sehr gut dosieren, und diese Komplikation ausschließen. Das ist ein sehr großer Fortschritt.

Ich nehme an, dass ältere Frauen den Großteil Ihrer Patienten ausmachen?

Puchta: Das stimmt. Die allermeisten Frauen wissen nicht, dass die Fruchtbarkeit ab 35 sehr schnell abnimmt. Im Alter von 25 kümmert man sich noch eher um die Verhütung einer Schwangerschaft. Da denkt kaum eine Frau daran, dass sie in 15 Jahren gern ein Kind hätte. Für mich als Arzt ist es oft frustrierend, dass ich den Frauen nicht so helfen kann, wie ich möchte. Daher sehe ich das Social Freezing als Versicherung für die Fortpflanzungsfähigkeit. Für eine Frau in der heutigen Zeit ist das meiner Meinung nach eine absolut sinnvolle Versicherung.

Kritiker des Einfrierens bemängeln, dass die Zellen bei der Prozedur geschädigt werden und damit auch die Kinder. Was halten Sie davon?

Puchta: Kritiker sind wichtig, aber ein neuer Trend in der künstlichen Befruchtung widerlegt diese These. Aus Auswertungen von skandinavischen Geburtsregistern, die sehr detailliert geführt werden und wo die Daten nicht so geheim sind wie bei uns, hat man herausgefunden, dass bei der künstlichen Befruchtung die Schwangerschaftsraten von tiefgefrorenen Embryos signifikant höher sind. Weltweit transferieren viele Zentren, auch wir, seltener frische Embryonen. Bei der ln-vitro-Fertilisation frieren wir Zellen erst ein und geben später der Frau einen oder zwei Embryos in ihren natürlichen Zyklus zurück. Das funktioniert auch mit Embryonen, die aus gefrorenen Eizellen stammen.

Haben Sie in Ihrem Zentrum eine Altersgrenze für Behandlungen?
Puchta: Nein, wir entscheiden für jede Patientin, ob wir einer Frau zur Behandlung und zur künstlichen Befruchtung raten. Es gibt sehr fitte Frauen mit Mitte 40. Und es gibt Frauen, die nicht so gesund gelebt haben und z.B. unter Erkrankungen wie Bluthochdruck leiden. Der Arzt ist in der Pflicht, seine Patientin verantwortungsvoll und ehrlich über die gesundheitlichen Folgen zu beraten. Und natürlich wird er auch an das Wohl des Kindes denken. Technisch medizinisch spielt es keine Rolle, ob eine Frau 45, 55 oder 65 Jahre alt ist. Jede Gebärmutter kann so stimuliert werden. dass sie ein Baby austragen kann. Starre Altersgrenzen sehe ich als problematisch an: Denn es gibt ja durchaus einige Frauen, die mit Anfang 50 auf natürlichem Weg schwanger werden. Verwenden wir für ältere Frauen ihre jungen Eizellen, schließen wir viele Risiken aus: Die Schwangerschaft verläuft unproblematischer, es gibt weniger Fehlbildungsraten. Die junge Zelle hat einfach eine völlig andere Power.

Würden Sie Ihrer Tochter zum Einfrieren ihrer Eizellen raten?

Puchta: Ich habe vier Töchter und ich werde ihnen allen empfehlen, ihre Eizellen einzufrieren.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der TZ (www.tz-online.de)

Social Freezing – Großes Sonderthema in der »tz«

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