Die Zeit

Kinderwunsch – gestern und heute

Lesen Sie hier die Langfassung des Interviews mit Dr. Jörg Puchta, welches am 20.09.2012 in der Beilage "Kinderwunsch" der Wochenzeitung "DIE ZEIT" erschienen ist.

Was versteht man unter "social freezing"?

Dr. Jörg Puchta: Im Unterschied zu dem, was der Begriff wörtlich übersetzt bedeutet, nämlich gesellschaftliches Einfrieren oder Erstarren, versteht man unter "social freezing" die Anlage einer sog. Fruchtbarkeitsreserve sowohl für Frauen als auch für Männer aus einer nicht-medizinischen Indikation. Sozusagen eine Art "persönlicher Versicherung der Fortpflanzungsfähigkeit" – für spätere Jahre durch das Tiefgefrieren der eigenen Ei- oder Samenzellen. Gewissermaßen eine ganz neue Form von reproduktionsmedizinischer Präventionsmedizin.

Gibt es Erfahrungen mit der Methode der Kryokonservierung von Keimzellen?

Seit Jahrzehnten werden Keimzellen in der Veterinärmedizin erfolgreich eingefroren und für die Befruchtung wieder aufgetaut. In der Humanmedizin hat man hiermit Erfahrung seit Anfang der 80er Jahre, eine spezielle Indikation für die Methode ist bei Patienten, die z.B. eine Chemo- oder Strahlentherapie durchlaufen müssen, gegeben (in diesem Bereich leistet das deutsche, nicht-kommerzielle Netzwerk fertiPROTEKT.de hervorragende Arbeit). Die neue Technik des Schnellfrierens (englisch flash freezing) oder auch Vitrifizierung genannt, hat das social freezing revolutioniert, da ein kompetentes Labor eine 95%ige Vitalitätsrate nach Aufwärmen der Zellen erreicht, die Zellen also über eine Vitalität verfügen, als ob sie nicht eingefroren worden wären.

Welchen Frauen oder Männern empfehlen Sie, über dieses Thema nachzudenken?

Das - aus biologisch-medizinischer Sicht - optimale Alter, Kinder zu bekommen, liegt bei Mitte/Ende Zwanzig. Ein Alter, in dem das tägliche Leben in unserer Gesellschaft ausgefüllt ist mit Ausbildung, Studium oder dem Wunsch, das bisher Gelernte im Beruf unter Beweis zu stellen. Häufig ist der geeignete Partner noch nicht gefunden oder man sorgt sich um finanzielle Dinge. Schnell vergehen 10 Jahre. Jahre, in denen die Fertilität unbemerkt rapide abnimmt. In der persönlichen Lebensplanung wird man frühzeitig absehen können, ob man eher jung oder gereift Mutter oder Vater werden wird. Der Gedanke – meine Eizellen oder Spermien haben die Potenz der Endzwanziger – wird den persönlichen Erfolgsdruck bei Kinderwunsch dann nehmen. Wird man spontan schwanger – perfekt. Wenn nein – hat man die eigenen "jungen" Zellen. Man vermeidet tiefe Frustration ebenso wie den – in Deutschland unverständlicherweise leider nicht erlaubten – Weg in die Eizellspende.


Dass die weibliche Fruchtbarkeit, bei gleichzeitigem Anstieg von Fehlbildungsrisiken, abnimmt, ist bekannt, aber die männliche?

Auch die spermienbildenden Zellen unterliegen Altersveränderungen. Die männliche Fruchtbarkeit sinkt jährlich um ca. 1 % und das Risiko einer Fehlgeburt steigt mit zunehmenden Alter das Vaters. Bei Spermiogrammwerten im unteren Bereich der WHO-Norm empfehlen wir deshalb ebenfalls eine Kryokonservierung des Spermas.

In manchen Kreisen wird das "social freezing" als upper class Medizin abgeurteilt. Wie stehen Sie dazu?

Rein statistisch gesehen wird sich ein Paar mit niedrigerem Schulabschluss den Kinderwunsch früher erfüllen, ja, aber sind die akademischen Leistungsträger unserer Gesellschaft deshalb reine genusssüchtige Egoisten, obwohl sie, aufgrund längerer Ausbildungszeiten, später und vielleicht schwerer Kinder bekommen können? Mein Standpunkt ist der des Arztes und nicht der des Gesellschaftskritikers oder der des Investors, der auf Gewinnmaximierung zielt. Gerne vergleiche ich die Debatte über "social freezing" mit der über die Pille: Fortschritt ist unumkehrbar. Das Ziel der beruflichen Gleichstellung von Mann und Frau wird immer ältere Eltern, vor allem ältere Mütter zur Folge haben. Aufklärung über "social freezing" zu befürworten, bedeutet nicht, den Paaren ihre Fortpflanzung wegzunehmen sondern ihnen ihren Weg zu erleichtern. Denn wer hätte 1960 den Pionieren der Verhütung Kinderfeindlichkeit nachgesagt?

Welche Perspektiven sehen Sie für das Thema Kinder in der Gesellschaft?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die – in dem Wissen um ihre biologische Uhr – ihr Leben auch in Bezug auf ihren Kinderwunsch zu planen versucht: Auf der einen Seite junge Eltern bei gut organisierter Kinderbetreuung und gerechten beruflichen Chancen für Mutter und Vater, auf der anderen Seite reifere, etablierte Eltern, die ihren Lebensentwurf mit einem biologisch und genetisch eigenem Kind vervollkommnen. In Amerika schenken manche Eltern ihren Töchtern nach Abschluss der Hochschule eine Fertilitätsversicherung, damit diese, trotz Studium und Karriere, sich das schönste Geschenk der Welt erfüllen können: die Mutterschaft. Das Zweitschönste natürlich auch: die Großelternschaft.

Dr. Jörg Puchta zum Thema

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